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SZENE

Szene Berlin - Eine Prognose

Mit Geld läßt sich Glanz nicht kaufen. Berlin hat im neuen Jahrhundert
größere Chancen, als die Haupstadt der Weimarer Republik je hatte. Eine Prognose von Egon Bahr.

Fünfzig Jahre lang wurde der Mund gespitzt - nun muß gepfiffen werden: Aus dem Anspruch wächst die Wirklichkeit der neuen
Hauptstadt eines neuen vereinten Landes. Hinter uns bleibt das Provisorium Bonn, so wohnlich eingerichtet, so idyllisch gelegen,
das fast zur Endgültigkeit verführt hätte; nun verschafft es Berlin die Erleichterung, nicht alles auf einmal verdauen zu müssen.
Bonn dient mit seinem Behauptungswillen Berlin, indem es der Hauptstadt Zeit läßt zu beweisen, wie stark ihre Anziehungskraft sein wird.

bundestag, berlin
© Kerstin Krant / PIXELIO

Hinter uns liegt der jahrzehnte lange Prozeß der Auszehrung Westberlins, den weder die heldische Phase und der  Freiheitswillen
der Frontstadt noch die Stabilisierung durch die Entspannungspolitik mit der Rechtssicherheit des zivilen Verkehrs stoppen konnte.
Politik und Wirtschaft sanken auf ein Mittelmaß der Verwaltung und Produktion in einer Großstadt, aus der über sie hinausreichende
Anstöße und Innovationen kaum noch kamen und, fast noch schlimmer, auch gar nicht mehr erwartet wurden

Der Mangel an Kühnheit und zupackend begeisternder Gestaltung war leider unübersehbar, als der Politik das Geschenk der schnellen
Einheit in den Schoß fiel, das sie gewollt, aber nicht geplant hatte. Die Wirtschaft, nicht überraschend außerhalb Berlins,
sogar des Landes, erkannte die nicht wiederkehrende, also wirklich einmalige Chance in der Geschicht der Stadt schneller.

Im Jahre 8 der Einheit leidet Berlin lustvoll an den Folgen dessen, was es sich immer gewünscht hat: Hauptstadt zu werden.
Die Stadt vibriert. Sie entwickelt Energien, fast hecktisch, als wollte sie in Monaten nachholen, was in ebensovielen vergangenen
Jahren unmöglich gewesen war, als könnten geballte Frischzellenkuren ihrem müden Organismus neue Jugend bescheren.

Das ist fastzinierend, weckt Erwartungen, berechtigt zu Hoffnungen. Es ist herrlich. So habe ich mir meine Stadt immer gewünscht.
Bei einem solchen Aufbruch sind Fehler unvermeidbar. Wie jede Gründerzeit entwickelt auch diese ihre Konjunkturritter.
Hemmungslose Bereicherung, Korruption, Blender, Pleiten, modische Sumpfblüten, Blender, die sich mit falschen Pretiosen schmücken,
kleine Gangster, die bei so großen Gelegenheiten zu großer Form auflaufen wollen - das alles gehört dazu, unvermeidbar,
bietet ausreichend Anlaß zum Meckern, genug Grund zu bedenkenswerter Kritik. Aber die Stadt wird durch den übelriechenden
Morast hindurchwachsen.

Was wird das für eine Stadt sein? Sicher kein Ausbund an architektonischer Schönheit. Mit der imposanten Geschlossenheit
St.Petersburgs und seiner Pracht, deren Patina die Künstlichkeit der Schöpfung vergessen lässt, wird sie sich nie messen können.
Den organisch gewachsenen Zauber von Paris, das unzerstört sogar die Zeugnisse hypermoderner Arroganz unbeschädigt aufnimmt,
kann Berlin nicht erreichen. Was zerstört worden ist in fünfzig Jahren des Heißen und Kalten Krieges, kann nicht wiederhergestellt
werden. Man sollte es auch gar nicht versuchen. Die Hülse eines Schlosses wiederherstellen zu wollen, das nicht einmal für die
republikanische Nachfolgeschaft des Monarchen bestimmt sein soll, wäre nur ein Monument ideenloser  Unsicherheit, wie die Mitte
der Mitte aussehen und welche Funktion sie bekommen soll. Solange es ein sicheres Gefühl seiner Rolle in dem neuen Abschnitt
der europäischen Geschichte nicht gewonnen hat, ist die Entscheidung nicht reif für eine städtebauliche Entsprechung.
Sie einige Jahre aufzuschieben, wäre kein Unglück, sondern eine Chance.

nacht, brandenburger tor

© Mike Ruben / PIXELIO

Die Stadt sollte keinen Versuch machen, vor ihrer Geschicht und deren Zeugnissen wegzulaufen. Das gilt dann für die Reste preußischer
Herrlichkeit wie imperialer Überheblichkeit nicht weniger als für die Pflege ziviler Modernität der Weimarer Zeit oder für Zeugnisse
der vierzigjährigen Versuche, Ostberlin zur Hauptstadt eines separaten Staates zu entwickeln. Niemand hat vorgeschlagen,
das verrückte Unikum des Fernsehturms zu  beseitigen. Das sowjetische Ehrenmal in Treptow wie das Kriegsgerät an der Straße
des 17. Juni sollten immer daran erinnern, das und warum die Rote Armee in die Mitte Europas gekommen ist. Gerade aus der
architektonischen Zerrissenheit kann Berlin seine europäische Einzigartigkeit gewinnen.

Bleibt der gigantische Versuch, den freien Raum zwischen den beiden Städten zu füllen, den die Teilung geschaffen hat.
Ich gestehe, daß ich mir noch kein Urteil gebildet habe. Wird das kalter Funktionalismus, Ausweis eines Denkens,
das sich vor allem rechnen muß, technische Kühnheit, die berauscht von Beton, Stahl und Glas den Menschen zum Objekt macht?
Werden Menschen dort leben wollen oder der Hektik der Arbeit in die gemütliche Muffigkeit alter Wohnquartiere entfliehen und
die neue Stadt zwischen dem alten Westen und dem alten Osten nächstens kalt und leer lassen?

Weil es aber nicht abgestoßen werden kann, bleibt ungeheuer spannend zu beobachten, welche neue zentrale Wirklichkeit
sich da entwickeln wird. Korrekturversuche zu spät erkannter Irrtürmer wären nicht überraschend. Elementare Bedürfnisse
werden sich über Planung und gute Vorsätze hinwegsetzen, kurz: das Leben selbst, wie es so schön heißt,
wird diese Fragen eines Tages beantworten. Was wäre dagegen einzuwenden?

Während der dreißiger Jahre habe ich im Friedenauer Gymnasium gelernt, Berlin habe 4,2 Millionen Einwohner.
Da fehlen noch 700.000, ehe es wieder die gewachsene "Friedensstärke" erreicht. In den sechziger Jahren haben wir im Schöneberger
Rathaus darauf verwiesen, daß Westberlin mehr Einwohner als Norwegen habe, um die Lebensfähigkeit der Halbstadt zubeweisen.
Man braucht nicht bis Karatschi zu gehen, dessen Einwohnerzahl auf 13 Millionen geschätzt wird, um zu wissen, daß Berlin wachsen wird.
Wer will heute ausrechnen, was seine "natürliche" Größe in dreißig Jahren sein wird? Dann wird man sich jedenfalls mit Kopfschütteln
an die leidenschaftliche Auseinandersetzung erinnern, die damals über die Verschmelzung mit Brandenburg stattgefunden hat.
Die Lebenszwänge werden sich nicht durch alte Ängste oder juristische Stolpersteine aufhalten lassen. Die Deutschen werden dann jedenfalls
längst gelernt haben, daß ihre Hauptstadt, deren Größe ihnen Sorgen machte, Anfang der neunziger Jahre für ein 80-Millionen-Volk
eine relativ kleine Stadt gewesen ist.

Auch in dreißig Jahren wird stimmen: Durch Berlin fließt immer noch die Spree."Ich meine damit: Auch im Jahre 2028 wird das alte Berlin,
wie es vor zwei Generationen, also 1968, existierte, noch immer erkennbar sein. Sein neue Mitte und die Ausweitung sogar über den
großen Autobahngürtel hinaus wird den Charakter der alten Stadtteile nicht zerstören. Gewohnheiten, Verbundenheit mit der vertrauten
Umgebung, sogar Idyllen werden sich erhalten. Auch die mentalen Unterschiede zwischen Ost und West?

In diesem zeitlichen Abstand ist die Hoffnung berechtigt, daß Unterschiede oder Gegensätze von heute auf die Normalität reduziert werden,
die vergleichbar den Menschen in Passy oder dem industriellen Ostgürtel, in Brooklyn oder um den Central Park geläufig sind,
und die sich dennoch als Pariser oder New Yorker fühlen. Denn dann wird die Stadt in einem neuen Land schon herangewachsen sein.
Bis dahin wird entschieden sein, ob die erschöpften alten Eliten der Stadt sich durch Zuzug oder Generations-
wechsel so weit regeneriert haben, daß sie neben den Bundesorganen eine wichtiges und interessantes eigenes Gewicht gewinnen.
Wie weit die kulturelle Strahlkraft reicht, unabhängig von städtischer oder Bundesträgerschaft.

Aber nicht die Überzeugung, daß der Bund seine Hauptstadt schon nicht verkommen lassen wird, stimmt zuversichtlich.
Natürlich noch weniger großmäulige Ansprüche, Metropole mit Weltgeltung werden oder den Glanz der Goldenen und gesellschaftspolitisch
elenden) zwanziger Jahre wieder erreichen zu wollen, der Paris überstrahlte. So etwas kann man weder beschließen noch mit Geld allein kaufen.
Berlin wird entwickeln, was Bonn nicht leisten konnte in den zurückliegenden fünfzig Jahren, mit dem Blick auf die Nachbarn zuweilen beklagt: die
Attraktivität einer nationalen Mitte. Es wird eine Zentrale ohne politischen Zentralismus sein, in der sich Kunst und Politik, Wirtschaft und
Wissenschaft tummeln, reiben und ein weitgehend verlerntes Neben- und Miteinander neu lernen und genießen werden.
Es wird Energien freisetzen und Talente anziehen wie fördern.

Ein anderes ganz unbekanntes Element wird hinzukommen. Deutschland ist politisch europäische Mitte geworden, erstmals nur von Freunden
umgeben und in Grenzen, die nicht mehr trennen. Insofern wird von einer Berliner Republik, nach Osten gerückt, zu sprechen sein, obwohl
sich die Verfassung, ihre Organe und Mechanismen durch den Umzug von Bonn um keinen Deut ändern werden.
Die Stadt wird profetieren, wenn unsere Nachbarn im Osten und Südosten des Kontinents in die Mitte blicken, und Menschen auf der Suche
nach Chancen und Glück ihre Gedanken, Hoffnungen und Schritte nach Berlin lenken.
Osteoropäische, slawische, jüdische Elemente werden beunruhigen und bereichern.
Berlin wird  nun, wie New York, London, Paris oder Amsterdam, die Zuwanderung beweglicher, unternehmens und risikobereiter Menschen
fruchtbar und aus Ausländern Einheimische machen können, die nicht mehr auswandern müssen.
Alle diese Möglichkeiten werden zusätzlich noch einmal wachsen, wenn die Regierung ihre Außen- und Sicherheitspolitik in den Dienst
der europäischen Stabilität stellt, um Kriege zwischen Staaten unmöglich zu machen, und dabei kein Land ausgrentzt.

Dann könnte das Wort Berlin einen Klang erhalten, der gleichbedeutend ist mit einner  neuen, noch nicht gefundenen europäischen
Identität, die für Frieden, zuverlässige Zusammenarbeit und für Wohlstand steht. Das wäre dann die neue Hauptstadt eines neuen Landes
am Beginn eines neuen Abschnitts der europäischen Geschichte. Berlin hat im neuen Jahrhundert größere Chancen, als die Hauptstadt
Weimarer Republik sie je hatte.

Was immer die Nüchternheit an akuten Mängeln findet, der Verstand an Kritikwürdigem, die  Erfahrung zur Vorsicht rät: Die Neugier
ist größer, wie die Stadt in ihre elektresierenden Möglichkeiten hineinwachsen wird. Sie zeigen sie interessanter und bedeutender, als sie je war.




plaetze | new york

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